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Liquiditätssteuerung erfordert zukünftig wieder Management!

Bert Flossbach zitiert in seinem jüngsten Quartalsbericht mit aufklärerischem Genuss aus dem Anschreiben einer Depotbank an ihre Fonds-Kunden. Das Institut macht darauf aufmerksam, dass es sich dazu gezwungen sieht, den negativen Einlagenzins der Europäischen Zentralbank an die eigenen Großkunden weiterzuleiten. In der Folge wird angekündigt, ab Mitte September auf kurzfristige Einlagen in EURO negative Zinsen zu berechnen. Der Basissatz beläuft sich seitdem auf -0,2%, die Zinsmarge auf -0,05%, was einem effektiven Zins von -0,25% entspricht. Zurecht spricht Flossbach von einem “finanzhistorischen Schreiben” und einer “verkehrten Welt”. Oder wie es die Depotbank in ihrem Brief so schön formuliert: “Das aktuelle Zinsumfeld ist damit endgültig eine Herausforderung für das Investitionsverhalten von Fonds geworden”.

Dass die Kassenhaltung eines Fonds nach “Mini-Inflation” und Kosten realen Kaufkraftverlusten unterliegen kann und schon seit einiger Zeit unterliegt, dürfte einer wachsenden Anlegerschaft klar gewesen sein. Dass die Kasse im nächsten Schritt mit einem negativen Zinssatz bestraft wird und damit nun auch nominal dezimiert wird, bedarf in vielen Köpfen aber erst einmal einer gedanklichen Verarbeitung. Hat man das Vorstellungsvermögen allerdings erst einmal entwickelt, schließen sich daran automatische eine Menge Fragen an: Wie tief können die Zinsen eigentlich gesenkt werden? Wie gehen meine Fondsmanager mit dem Szenario um? Wann droht mir die Ahndung auch als Privatanleger bei meiner Bank? Wie werden negative (Straf-) Zinsen steuerlich behandelt? Wo liegt meine persönliche Schmerzgrenze, wo ich das Geld von der Bank nehme? Welche Alternativen bieten sich, welche Kosten sind damit verbunden, welche Risiken müssen eingegangen werden: Schließfach, Matratze, Geld vergraben, sich doch zur Investition oder gar zum Konsum zwingen lassen?

Die Notenbanken wollen, dass wir uns alle, seien wir nun Banken, Asset Manager, Investoren und Bürger diese Gedanken machen und handeln. Die negativen Zinsen sind eine erzieherische Massnahme, die zeigt, wie hilflos die Notenbanken und die Politik derzeit eigentlich sind.