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Meister, lass mich Dein Gewand berühren und verrat mir Dein Erfolgsrezept – frei nach diesem Motto folgen jährlich mehr als 40.000 Aktionäre der Einladung zur Hauptversammlung der amerikanischen Holdinggesellschaft Berkshire Hathaway. So auch letzten Samstag. Wie erklärt sich dieses Phänomen? Und warum ist es so schwer, Warren Buffett zu kopieren?

Einem kurzen Geschäftsbericht folgt eine mehrstündige Frage-Antwort-Session. Eigentlich nichts Besonderes und doch erweckt die Veranstaltung jedes Jahr weltweite Aufmerksamkeit, reisen private und professionelle Investoren aus nah und fern an, in der Hoffnung, Gedankenanstöße oder gar konkrete neue Anlageempfehlungen zu erlangen.

Es ist die außergewöhnliche Rendite-Historie Buffetts aus 50 Jahren, die seine “Fans” so fasziniert, sein Reichtum (Forbes Liste Platz 3) verbunden mit seiner bodenständigen Art zu leben, seiner Disziplin als Investor und den Bonmots, mit denen er seine Reden und Anlegerbriefe spickt. Kostproben gefällig? “Die Hall of Fame der Market-Timer ist ein leerer Raum”. Oder: “Investiere nur in Unternehmen, die so wunderbar sind, dass auch ein Idiot sie führen könnte. Früher oder später wird es so sein”.

Buffetts Grundbotschaft ist einfach: als Investor muss man rechnen können. Es bedarf eines Verständnisses der Geschäftsmodelle jener Unternehmen, für die man sich interessiert. Distanz ist wichtig, die es einem erlaubt, emotionslose Entscheidungen zu treffen. Man braucht Mut zur Antizyklik und zudem Geduld, so lange warten zu können, bis eine erkannte Opportunität genutzt werden kann. Die Schwierigkeit Buffetts Strategie zu kopieren, besteht somit weniger darin, sie zu verstehen, als vielmehr in der Herausforderung, sie für sich selbst konsequent umzusetzen. Es dürften von daher oftmals mehr erneuerte Grund- und Vorsätze als Ideen sein, die Buffets Zuhörer aus Omaha im Reisegepäck mit nach Hause nehmen.

Was sagt das 50. “Woodstock für Kapitalisten” uns Fondsfreunden, die wir nicht bei der Versammlung waren? In Ermangelung von Mitschnitten (verboten) können wir denen lauschen, die anwesend waren und davon berichten. Wir können uns im 6. Jahr der Aktienhausse aber auch einfach vor Augen halten, dass steigende Kurse keine Einbahnstraße sind, dass Gewinne realisiert werden müssen, um neue Anlagechancen nutzen zu können und dass die Bewertungen von Unternehmen aufmerksam verfolgt werden sollten und damit mehr als die Grundlage akademischer Diskussionen sind. Es lebe das aktive Fondsmanagement!

Dieser Artikel erschien am 05.05.2015 auf www.boerse-online.de

Für Börse Online kommentiert Björn Drescher wöchentlich mit “Return: Der Investmentkommentar” Ereignisse aus der Fondswelt.