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“Ratings” sind aufwändig. In Abgrenzung zu “Rankings”, die rein vergangenheitsbezogene Auswertungen von Kennzahlen darstellen, verkörpern “Ratings” qualitative Produkt- und Prozessbeurteilungen, die in Prognosen und Wahrscheinlichkeitsaussagen münden.

Die Untersuchungen binden für den Fall sorgfältiger Arbeit erhebliche Ressourcen und setzen detailliertes Fachverständnis voraus. Das wiederum birgt die Notwendigkeit der Amortisation und damit eines passenden Geschäftsmodells in sich. Schließlich hat niemand Know-how zu verschenken und ist ein Rating kein Selbstzweck.

Vor diesem Hintergrund scheint es mir nach wie vor ein systemimmanenter Konstruktionsfehler zu sein, dass die Beurteilung von Produkten mehrheitlich nicht von der Verbraucherseite bezahlt wird, die Aufschluss über ihre Güte wünscht und sich vor Schaden bewahren will, sondern direkt oder indirekt von den Produzenten, die möglichst viele Einheiten ihrer Angebote zu verkaufen suchen.

Folgt man dem alten Sprichwort “wer die Musik bezahlt, bestimmt was gespielt wird”, entstehen im Zusammenhang mit Fondsratings viele Fragen. Zum Beispiel warum eine Agentur das Verhältnis zu ihrem “Auftraggeber” unnötig belasten soll? Warum ein Produktgeber für ein “schlechtes” Rating bezahlen soll? Was es ihm wert sein könnte, ein schlechteres Rating, das erstellt ist, nicht veröffentlichen zu lassen? Warum Ratings teilweise aktualisiert und zeitgleich aus dem Verkehr gezogen werden? Warum ein Asset Manager, der Ratings anbietet, Mitbewerber unnötig schlauer machen sollte, als sie sind? Etc., etc.

Wer an dieser Stelle eine Schelte für Ratingagenturen und Investmenthäuser herausliest, hat mich einseitig oder falsch verstanden. Das System krankt am Umstand, dass die Mehrheit der privaten und professionellen Investoren nicht bereit ist, für Know-how in Form von Analysen und Beurteilungen zu bezahlen. Wer diese Form der Wertschöpfungskette für normal erachtet, sollte sich nicht über Umfang, Aussagekraft und Güte für ihn kostenloser Dienstleistungen wundern oder beklagen. Schließlich “schaut man”, wie der Volksmund so schön sagt, “dem geschenkten Gaul auch nicht ins Maul”.

Dieser Artikel erschien am 17.06.2015 auf www.boerse-online.de

Für Börse Online kommentiert Björn Drescher wöchentlich mit “Return: Der Investmentkommentar” Ereignisse aus der Fondswelt.