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“Börsencrash in China, die überfällige Korrektur”, macht ein Fernsehsender auf, und an anderer Stelle heißt es: “Das ist definitiv ein Crash”. “Ausverkauf in China ist Korrektur, kein Crash”, titelt wiederum eine Investmentgesellschaft, usw.

Was denn nun? Schon ist man versucht, nach allgemein gültigen Definitionen zu suchen und kann sich die Zeit insofern doch sparen, als es keine einheitlichen Erklärungen im Sinne der Ausmaße oder Geschwindigkeit gibt, die diesen Begriffen zuzuordnen sind. Sie sind vielmehr häufig synonym gebräuchlich und unterscheiden sich eher in ihrer verbalen Schärfe und den Assoziationen der Zuhörer.

Machen wir es von daher kurz: was wir Ende August an den Aktienmärkten gesehen haben, war wohl mehr als eine “Konsolidierung”, die gemeinhin als tendenzielle Seitwärtsbewegung, als ein Verschnaufen des Marktes auf dem Weg nach “oben” empfunden wird. Und sie ist andererseits noch keine “Baisse”, keine lang anhaltende Phase schrittweiser Kursverluste, die in der Summe deutlich über 50 Prozent Verlust (von der Spitze gerechnet) hinausgehen kann, wie wir 2000 bis 2003 und auch 2008 bis 2009 gesehen haben. Was noch nicht ausschließt, dass der augenblickliche Kursrücksetzer nicht doch in absehbarer Zukunft in einer solchen Bewegung münden könnte. Die Wahrscheinlichkeit ihres Eintritts sollte nun Ausgangslage der weiteren Überlegungen und Handlungen sein.

Die Mehrheit der Stellungnahmen in den vergangenen Tagen sieht das Ende der Hausse noch nicht gekommen und man ist versucht, ihnen Recht zu geben. Schließlich stellt sich unter anderem die Frage, welche attraktiven Alternativen es denn derzeit zu Aktienengagements geben soll. Wohin mit den liquiden Mitteln? Will man es anders sehen, hält man sich beispielsweise an den US-Börsenprognostiker Martin Armstrong (“The Forecaster”), der für den Oktober den großen Börsencrash vorhersagt. Er dürfte die augenblickliche Entwicklung als Vorspiel seines Szenarios sehen und seine Prognose “voll im Plan”. Die Zukunft wird zeigen, welche Seite recht behält.

Bis dahin können wir uns dessen ungeachtet aber schon einmal daran gewöhnen, dass die Kapitalmärkte so oder so immer häufiger größere Kapriolen schlagen werden. Diese These stützt sich unter anderem auf eine zunehmende Institutionalisierung der Kapitalmärkte mit der Wucht geballter Zahlungsströme. Aber auch die Orientierung vieler Marktteilnehmer an gleichen oder ähnlichen Indikatoren und Kennzahlen bleibt nicht ohne Konsequenz. Man nehme nur das Beispiel der “200 Tage-Linie” in der Trendfolge. Weitere Faktoren finden sich im vermehrten Einsatz von Hebelinstrumenten und passiven, die Prozyklik verstärkenden Anlageformen, sowie dem verstärkten Eingreifen der Notenbanken, die quasi mit unbeschränktem Limit an den Märkten spielen. Ferner ließe sich darüber nachdenken, welche Renditequellen opportunistischen Großanlegern im Niedrigzinsumfeld bleiben. Sie lieben häufig starke Bewegungen in den Aktienmärkten, die sie preiswert kaufen und teurer wieder verkaufen lassen und sind an einer Verstärkung von Wellen bisweilen sehr interessiert.

Dieser Artikel erschien am 02.09.2015 auf www.boerse-online.de

Für Börse Online kommentiert Björn Drescher wöchentlich mit “Return: Der Investmentkommentar” Ereignisse aus der Fondswelt.