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Die europäische Finanzaufsicht ESMA schätzt nach eingehenden Untersuchungen (2600 Produkte), dass zwischen 5-15 Prozent der in Europa zum Vertrieb zugelassenen Fonds in der Weise falsche Versprechungen machen, als sie sich für aktives Management bezahlen lassen, tatsächlich aber passiv am Index kleben. Besteht Handlungsbedarf?

Wenngleich ich ein Verfechter von Produktwahrheit und -klarheit bin und Verständnis für die Fragestellung habe, erkenne ich ihn nicht wirklich. Und selbst wenn es eine Notwendigkeit gäbe, wäre sie von tendenziell abnehmender Bedeutung. Warum?

Zunächst einmal gibt es das Phänomen der “Benchmark-Hugger” schon fast so lange wie die Fondsidee selbst. Erklärungsansätze finden sich im Herdentrieb und der Furcht vor nennenswerter, “arbeitsplatzgefährdender” Underperformance. Das macht den Umstand zwar keineswegs schöner, vielleicht aber etwas menschlicher.

Zudem ist die Beweislage vergleichsweise schwierig. Schließlich muss dem Management nachgewiesen werden, dass es nicht nur vorübergehend, da strategisch oder taktisch angeraten, die Indexnähe sucht (beispielsweise mit Blick auf die Attraktivität besonders hochkapitalisierter Titel), sondern grundsätzlich keine Outperformance des Vergleichsindex mittels Selektion, sowie Über- und Untergewichtungen einzelner Titel anstrebt. Besonders schwer dürfte die Beweisführung fallen, wenn sich die Fonds nahe um die Benchmark herum bewegen und nicht völlig “tot” stellen. Wo will man Toleranzgrenzen ziehen?

Zudem sind Faktor-Investments, quasi aktiv gemanagte ETFs (“Smart-Beta”), auf dem Vormarsch, die den Grenzverlauf zwischen “aktiv” und “passiv” verwischen lassen, wirft das zunehmende Interesse an “absolute-return-Lösungen”, die sich am Kapitalerhalt und Ertragszielen messen lassen, die Frage auf, in wieweit Vergleichsmaßstäbe ohnehin überholt erscheinen und drohen schließlich auch immer mehr Anleger den Glauben daran zu verlieren, dass sich Benchmarks überhaupt langfristig nachhaltig outperformen lassen.

Warum will man an dieser Stelle Kosten diskutieren, die bekanntlich relativ sind und die Vertragsfreiheit unnötig beschränken? Es erscheint mir sinnvoller, auf die selbst regulierenden Kräfte eines fachlich wie technisch zunehmend transparenter werdenden Marktes zu setzen. Der hat die Benchmarknähe aktiv gemanagter Fonds längst an den Pranger gestellt und geächtet und mit dem “Tracking-Error” und dem “Active-Share” effiziente Kennzahlen an der Hand, um entsprechenden Etikettenschwindel zu enttarnen. Die Konzentration der Mittelzuflüsse auf einige wenige Leistungsträger in den Vergleichsgruppen und die mittlerweile unzähligen Auflösungen aktiv gemanagter Länder-, Branchen- und Themenfonds zu Gunsten des Volumen-Wachstums adäquater Index-Lösungen sprechen dafür, dass dieser Mechanismus voll funktionsfähig ist und sich die Anleger immer seltener blenden, um nicht zu sagen, verschaukeln lassen.

Dieser Artikel erschien am 08.02.2016 auf www.boerse-online.de

Für Börse Online kommentiert Björn Drescher wöchentlich mit “Return: Der Investmentkommentar” Ereignisse aus der Fondswelt.