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“Anleihen guter Bonität kann man auf dem aktuellen Niveau eigentlich nur noch dann kaufen, wenn man darauf baut, einen Dümmeren zu finden, der sie einem bei noch negativeren Zinsen eines Tages abnimmt”, erklärte mir neulich ein Fondsmanager und ergänzte: “Angesichts der Tatsache, dass auch institutionelle Anleger immer häufiger negativ rentierende Anleihen erwerben, müsste man eigentlich einmal die Frage nach dem Treuhandauftrag dieser Institutionen stellen”.

Wer dem Gedanken folgt, versteht, wie ernst die Lage mittlerweile ist. Schließlich notieren Anleihen im Wert mehrerer Billionen Euro negativ. Unter denen, die sie erwerben, finden sich jeden Tag auch institutionelle Anleger, die ihren Eigentümern, Gläubigern und Begünstigten treuhänderisch verpflichtet sind (Vorsorgeeinrichtungen, Stiftungen, Versicherungen, etc.). Sie reißen sich nicht um diese Papiere, sehen in ihnen aber eine Alternative zu ihren negativen Kassenverzinsungen, wissen ihre Liquidität zu schätzen und unterstellen den Anleihen bei weiter fallenden Zinsen in der Tat zusätzliches Kurspotenzial. Zitat aus der Telefonkonferenz eines bekannten Anleihemanagers vor einigen Tagen: “Wir kaufen keine Renditen, sondern die Marktrichtung”. Wie weit diese Strategie in der Theorie führen könnte, liess unlängst der bekannte US-Ökonom Ken Rogoff erahnen, als er für die Bewältigung einer nächsten Finanzkrise negative Zinsen von bis zu -8% in Aussicht stellte (zugegebener Maßen einhergehend mit Bargeldeinschränkungen).

“In der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen”, könnte man kommentieren. Im bildlichen Sinne gesprochen fragt sich aber, ob ihm das bekommt und ob er das eigentlich darf. Schließlich können diese Papiere nur für den Fall weiter fallender Zinsen performen und bergen erhebliches Rückschlagspotenzial.

Während derartige Transaktionen bei privaten Investoren im Bereich des persönlichen Ermessens liegen sollten, müssen sie angesichts treuhänderischer Verpflichtungen in anderen Fällen ernsthaft hinterfragt werden. Auch dann, wenn die Europäische Zentralbank selbst im Rahmen ihres Ankaufprogramms mit schlechtem Beispiel vorangeht und Anleihen bis zu einer Rendite von -0,3% ankauft, was die Sache keinesfalls besser macht. Eine solche Diskussion ließe alle Beteiligten noch einmal die Absurdität der Lage begreifen und würde den handelnden Personen rechtliche Klarheit verschaffen.

Dieser Artikel erschien auf www.boerse-online.de