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Brauchen wir sie nun oder nicht: neue Bewertungsmaßstäbe für Aktien angesichts eines anhaltenden Niedrigzinsumfeldes? Da gehen die Meinungen der Fondsmanager und Vermögensverwalter durchaus auseinander.

Die einen sehen noch weiteren, quasi systematischen Bewertungsspielraum für die Assetklasse Aktien in ihrer Breite. Zusätzliche Umschichtungen aus Rentenanlagen in Aktien und die Attraktivität der Dividendenrenditen in Relation zur Höhe der Zinskupons rechtfertigen in ihren Augen noch höhere Bewertungen.

Die anderen billigen den Aktien diesen pauschalen Bewertungsspielraum eben nicht mehr zu. Sie erwarten über kurz oder lang wieder eine restriktivere Geld- und Zinspolitik und damit früher oder später wieder erste Schritte zurück zur historischen „Normalität“. Auch für sie bleiben die Aktien meist bis auf weiteres die interessanteste Assetklasse. Indes reduzieren sich die Performancequellen der Aktien nach dieser Lesart auf das Stockpicking und die Dividenden. Höhere Bewertungen bedürfen im Einzelfall wachsender Unternehmensgewinne.

Blickt man auf DAX, Euro-STOXX und Co., erscheinen die Bewertungen der Aktienmärkte im Schnitt derzeit in der historischen Betrachtung nicht besonders teuer. Über den gesamten Zinssenkungszyklus hinweg ist die steigende Attraktivität der Assetklasse Aktien gegenüber den Anleihen nicht systematisch eingepreist worden, sondern hat sich mehr oder weniger ausschließlich an den Gewinnentwicklungen der Unternehmen orientiert. Warum sollte ein solcher Aspekt also gerade jetzt, am vermutlichen Ende des Zinssenkungszyklus besondere Berücksichtigung erfahren? Die Kurse der Unternehmen erklären sich mehrheitlich durch die Verfassung und Positionierung der Unternehmen, nicht dadurch, dass Aktien in Relation zu Anleihen als vorteilhafter gelten würden. Das Gute daran: es muss eines Tages auch kein zusätzlicher Bewertungsspielraum ausgepreist werden, wenn sich die Lage wieder ändern sollte.

An der Diskussion zeigt sich aber einmal mehr, wieviele Marktteilnehmer heute in ganzen Indizes denken und wer eher noch im Einzeltitelresearch beheimatet ist. Das Index-Investing stimuliert einen förmlich dazu, sich an Bewertungen ganzer Märkte und Assetklassen zu orientieren.

Nebenbei bemerkt: können Sie sich noch an den Bewertungsmaßstab des „dynamischen KGVs“ erinnern, der von einigen Nebenwerte- und Technologiefondsmanagern kurz vor dem Platzen der TMT-Bubble propagiert wurde? Ich schon. Seitdem wurde nicht mehr so viel davon geredet!